Direkt zum Seiteninhalt

INSTINKT - Hundeschule Ritz – Hundetraining & Verhaltensberatung in Euskirchen<br />

Menü überspringen
Menü überspringen
Die Sache mit dem Instinkt

Instinkt ist ein Begriff, der in der modernen Hundewelt selten präzise definiert wird und trotzdem von jedem gleich verstanden wird. Ich verwende ihn hier nicht im engen biologischen Sinn, sondern als Bezeichnung für etwas sehr Menschliches; unsere angeborene Fähigkeit, Situationen unmittelbar zu erfassen, ohne Grübeln, ohne Überanalyse. Ein inneres Navigationssystem, das uns seit Millionen Jahren begleitet und das, rein biologisch betrachtet, nicht verschwindet, obwohl wir im Alltag oft den Zugang dazu verlieren.

Dieses System ist da, aber wir hören immer seltener darauf. Wir überlagern es mit Denken, Zweifeln und dem Wunsch, alles richtig zu machen.
 
Arbeit mit dem Hund bedeutet Emotion, Schmutz, Schweiß und manchmal auch Tränen – aus Trauer wie aus Freude. Die Arbeit mit dem Raubtier Hund ist nicht clean, nicht steril, nicht rein kopfgesteuert.
Wissenschaftliche Erkenntnisse sind wertvoll und gehören zu meiner täglichen Arbeit selbstverständlich mit dazu. Sie ersetzen jedoch nicht das, was im echten Kontakt zählt: Präsenz, Emotion, Gelassenheit.
 
Wenn das Wissen über Lerntheorien, Neurobiologie oder Biochemie das Leben der Hunde automatisch verbessern würde, müssten wir heute wohl die glücklichsten Hunde aller Zeiten haben (und die glücklichsten Kinder gleich dazu).

Doch die Realität zeigt ein anderes Bild: Stress, Überforderung, Unsicherheit – auf beiden Seiten der Leine. Vielleicht entsteht ein Teil davon genau dadurch, dass wir ständig Angst haben, etwas falsch zu  machen.
 
Wir denken nach, bevor wir handeln – was grundsätzlich sinnvoll ist. Immer häufiger jedoch ersetzt das Denken das Handeln. Die Sorge, einen Fehler zu machen, lähmt uns.

Hunde reagieren nicht auf unser Fachwissen. Sie reagieren auf das, was wir wirklich ausstrahlen – auf Körperspannung, Atem, Bewegung, Stimmung. Das, was in unserer Haltung sichtbar wird, ist für sie die einzige verlässliche Informationsquelle.

Die Arbeit mit Hunden ist aufschlussreich, weil sie uns unmittelbar spiegeln – nicht unser Wissen, sondern unsere Emotion, unsere Haltung, unsere Persönlichkeit. Das ist nicht immer leicht auszuhalten. Was wir dabei entdecken, gefällt uns nicht immer. Dennoch ist es eine gute Sache, sich gerade damit auseinanderzusetzen.
 
Von keinem anderen Lebewesen habe ich so viel über mich selbst gelernt wie von den Hunden in meinem Training. Meine persönlichen Defizite, Unsicherheiten und Schwächen wurden mir immer vorbehaltslos und schonungslos gespiegelt. Ich musste mich, ob ich wollte oder nicht, damit beschäftigen.

Ein Abitur und meine Studienerfahrung machen es mir vielleicht leichter, neue Lerntheorien zu erfassen, Fachbegriffe zu lernen oder Texte zu  schreiben. Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit kostet mich da schon deutlich mehr Kraft, ist leider nicht immer so schnell erfolgreich und dauert stetig an.

Ich arbeite seit 18 Jahren mit Hunden, habe unzählige Fachvorträge, Fortbildungen und Seminare besucht. Wissen ist wichtig; aber wenn mich heute eine – sagen wir – böse Fee zwingen würde, mich für den Verlust einer einzigen Fähigkeit zu entscheiden: Instinkt oder Fachwissen?

Dann würde ich mich zugunsten des Instinktes entscheiden.

Nicht, weil Wissen überflüssig wäre, sondern weil Instinkt das Fundament ist, auf dem Wissen überhaupt erst wirksam werden kann. Der biologische Instinkt geht nicht verloren – aber wir verlieren zunehmend den Zugang dazu. Ohne Instinkt bleibt Theorie nur Theorie.

Man könnte sagen, dass sich Hundetraining durch mehr Wissen verbessert hat –  etwa durch das Ende tierschutzwidriger Methoden beispielsweise. Doch das ist keine Frage des Wissens. Es ist eine Frage von Ethik und Haltung.

Mehr Fachwissen macht einen Menschen nicht automatisch fairer, sicherer oder klarer. Der gleiche Mensch kann mit viel Wissen genauso Schaden anrichten wie ohne – nur subtiler. Psychisch statt körperlich, wenn man Körper und Psyche überhaupt trennen möchte.

Konrad Lorenz schrieb einmal sinngemäß: „Es steckt alles Tier im Menschen –  aber nicht aller Mensch im Tiere.“ Vielleicht sollten wir genau dort wieder ansetzen. Wenn wir ein Stück mehr „Tier“ in uns entdecken – mehr Klarheit, mehr Echtheit, mehr Präsenz –, dann verstehen wir unseren Partner Hund wieder besser.

Mit der Wiederentdeckung unserer Instinkte und Emotionen, also mit ein bisschen mehr Tier in uns, wird die Sache am Ende insgesamt wieder menschlicher und weniger egoistisch, auch wenn das zunächst vielleicht paradox klingen mag.

Arbeit  mit dem Hund bedeutet Emotion, Schmutz, Schweiß und manchmal auch Tränen. Ich würde auch heute noch jedem Hundehalter raten: Kauf dir zuerst eine Arbeits‑ oder Buddelhose, erst danach ein Fachbuch.

Zurück zum Seiteninhalt